Various Artists – Lost Records: Bloom & Rage (Tape 1)

von am 24. Februar 2025 in Soundtrack

Various Artists – Lost Records: Bloom & Rage (Tape 1)

Näher als auf Lost Records: Bloom & Rage (Original Game Soundtrack) (Tape 1) wird man einer Chromatics-Réunion bis auf weiteres wohl nicht kommen. Höchstens bei der Mitte April noch nachgereichten zweiten Tranche des Pakets.

Die um die Wirkung von Nostalgie wissenden Entwickler der mittlerweile auf sechs Veröffentlichungen angewachsenen Life is Strange-Reihe haben sich mit Lost Records: Bloom & Rage eine neue Spielwiese geschaffen – und unterstreichen dabei auch wieder ihre Kompetenzen in Sachen Soundtrack-Organisation.
This album accompanies the adventure of four teenage girls between 1995 and 2022, in the seemingly sleepy little town of Velvet Cove, Michigan.“ heißt es so in Beipackzettel. „With their growing friendship embodied by their punk band, music plays a key role in both the story and gameplay. In terms of music, this 18-track OST features different genres: dream pop, ambient, and punk, featuring an incredible lineup of artists.

Wobei zugegeben freilich primär, ohne die Beteiligung der Nora Kelly Band („fresh Canadian alt-country / punk band“) oder der hierfür weitestgehend in die Rolle von Daughter schlüpfenden Milk & Bone („acclaimed Canadian electropop duo“) unter Wert verkaufen zu wollen, natürlich die Zusammenarbeit von Ruth Radelet, Nat Walker und Adam Miller – und damit drei Viertel der 2023 überraschend aufgelösten Chromatics – unbedingte Aufmerksamkeit für Lost Records: Bloom & Rage (Tape 1) generiert.
Wobei die drei Beiträge dieses ohne Johnny Jewel stattfindenden Wiedersehens angesichts der auf sie projizierten Vorfreude praktisch unterwältigen müssen und sich im weitesten Sinne wie solide Chromatics-Standards anfühlen.
Dreamers beginnt als anmutige Symbiose aus 50s und 80s in der ätherisch verträumten Sehnsucht jenseits von Twin Peaks und The Other Side, schunkelt einnehmend, bis die Nummer zur Mitte in den friedlich funkelnden Lullaby-Ambient in der Nähe von Gateway kippt. The Wild Unknown übernimmt dort nahtlos als Synth-Dream-Pop, als hätten Beach House einen Alt Rock-Weichzeichner verwendet. Was sehr risikofrei, gefällig und zu lang ausfällt. A Place Like Home summt später wie die synthetisierte Skizze eines Abspanns versöhnlich verzaubert, dabei jedoch auch beiläufig und ziellos. Eh schön – aber das Trio kratzt hier auch nur an der Oberfläche.

Während der (am Ende auch nochmal als Instrumental angebotener) Beitrag der Nora Kelly Band mit See You in Hell als Klammer des „TapesBloom kompetente, aber auch ziemlich austauschbare 90er-Indie Rock-Stangenware bietet (launig und kratzig, demonstrativ ohne High End-Schlagzeug-Sound sehr simpel gestrickt ebenso eingängig wie belanglos polternd), erledigen Milk & Bone als tatsächliche Soundtrack-Bastler des Spiels einen überzeugenden Job.
Liminal Spaces lässt die Zeit geduldig im mysteriös-bezaubernden Score-Ambient einer Tropfsteinhöhle perlen, die auf den letzten Metern mit pluckernder Lautmalerei sphärische Spannung erzeugt. Das angenehm subtile Velvet Cove ist von Angelo Badalamenti, Julie Cruise  und einer noch zurechnungsfähigen Grimes sozialisiert worden, derweil Moonlight balladesk gehaucht eine nicht greifbare Ahnung bleibt. Im dezenten Riot schnipselt und dampft etwas, das einer futuristisch pumpenden Blade Runner-Dramaturgie als weiche Elektronik subversiv nahekommt, bevor im kontemplativen The Abyss chorale Ansätze die Atmosphäre erheben: stilistisch nicht besonders individuell geprägt, aber durchaus auch abseits der Spielewelt stimmungsvolle Szenen vor dem inneren Auge kreierend, fesselnd und dicht.
Ein ganzheitliches Bild des Soundtracks von Lost Records: Bloom & Rage wird man sich dennoch erst nach dem Erscheinen von Tape 2 machen können – die subjektiven Erwartungshaltungen daran sind hiernach jedoch trotz Fanbrille merklich angepasst worden.

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